St. Michael Schützenbruderschaft Saalhoff 1520 e.V

Kamp-Lintfort - Geschichte

Folgender Text stamm von E.-Günther Piecha

 

Inmitten des Kreises Moers, im Übergangsgebiet vom industriellen Süden zum landwirtschaftlichen Norden hin, liegt die heutige Stadt Kamp-Lintfort. Sie weist, besonders in ihrem westlichen Teil, mancherlei Naturschönheiten auf. Niederungen, Hochflächen und kuppelartige Erhebungen verliehen ihr einen eigenartigen Reiz und lassen leicht erkennen, daß das Gebiet ein Teil der geologischen so interessanten niederrheinischen Terrassenlandschaft darstellt. Hauptelemente des Bodens bildet die Niederterrasse, aus der die waldreiche Hochfläche der Leucht, sowie der Kamper-, Niersen-, Dachs- und Eyller Berg als erhalten gebliebene natürlich umgeformte Mittelterrassenreste herausragen und dem Stadtbild seine typische landschaftliche Gestalt verleihen. Obwohl das Stadtgebiet schon seit der jüngeren Steinzeit besiedelt war, hebt es sich um das Jahr 1000 vor Christus in der sogenannten niederrheinischen Grabhügelzeit erstmalig greifbarer aus dem Grau der Vorzeit. Erhalten gebliebene Grabhügel auf dem Eyller- und Kamper Berg, sowie das Gräberfeld in der Leucht und das auf dem Schmidtberg in Rossenray, sind sichtbare Zeugen jener ersten heimischen Siedler, die einem keltischen Volksstamm, den keltischen Menapiern, angehörten.

Seit der Besetzung Toxandriens, dem heutigen holländischen Brabant, durch die salischen Franken im 4. Jahrhundert nach Christus ist das Stadtgebiet fränkisches Siedlungsland. Als Krongut des fränkischen Königs war es offensichtlich mit freien fränkischen Wehrsiedlern, sogenannten Salfreien, besetzt. Ihre charakteristischen Salhöfe, die sich in ihren Namen mit der Endsilbe -hem = -heim aber auch der auf -donk zu erkennen geben und sich teilweise bis heute erhalten haben, bilden den Ausgangspunkt seiner geschichtlichen Entwicklung.

So wurde aus dem einstigen Salhof "selehem" der heutige Ortsteil Saalhoff, "loepelhem" findet man heute im Löpelheimshof in Eyll, "asdunck" im heutigen Asdonkshof in Rossenray wieder. Aber auch "birnhem" in Altfeld, "lutzhem" in Niederkamp, "gadhem" im Distrikt Kirchhof und andere waren Siedelhöfe jener ersten Siedlungszeit und Ursprung ihrer dörflichen Entwicklung. Als Wohnsitze freier Grundeigentümer, mit Leibeigenen und einer Anzahl abhängiger Nebenhöfe, spielten diese Sal- oder Haupthöfe im Gerichtswesen eine bedeutende Rolle. Mit ihren hörigen Höfen bildeten sie zunächst einen hofrechtlichen Verband, in dem der Salhofbesitzer das geltende Hofrecht wies.

 

Darüber hinaus waren sie Mittelpunkt eine öffentlichrechtlichen Gerichtsverbandes, eines Volksgerichtsbezirks, der den Namen "ter eyke in Boichotl" führte. Sein Dingplatz "ter eyke", zur Eiche, der im Freien zu Füßen ihrer auf dem Schmidtberg ruhenden Ahnen lag, gab dem Gericht den Namen. Es war der Rechtsverband der Siedlungsgemeinde "Boicholt", die sich als Ansiedlung im Buchenholz ausweist und nicht nur das heutige Stadtgebiet mit den Ortsteilen Kamp, Kamperbruch, Lintfort, Rossenray, Saalhoff, Hoerstgen und Eyll umschloß, sondern auch ihre weitere Umgebung. Gerichts- und Siedlungsbezirk bildeten auch kirchlich eine Einheit, die Urpfarre Repelen. Ihre Kirche, die vom heiligen Willibrordus, der zwischen 658 und 739 lebte, erbaut und selbst geweiht wurde, ist eine der ältesten ringsum.

 

So findet man im 12. Jahrhundert den größten Teil des heutigen Stadtgebiets, die Ortsteile Kamp, Kamperbruch, Lintfort, Rossenray und Saalhoff zum Kurfürstentum Köln gehörig. Mit der Zugehörigkeit zum Kölner Kurfürstentum begann eine bedeutende Epoche Kamp-Lintforter Geschichte. Im Jahre 1123 gründete der Kurfürst Erzbischof Friedrich I. die Zisterzienserabtei Kamp. Diese Zisterziensergründung, die erste auf deutschem Boden, entwickelte sich rasch zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt. Darüber hinaus wurde sie zum Ausgangspunkt in der Ausbreitung des Zisterzienserordens ganz über Deutschland. Mit den ersten drei fast gleichzeitig von ihr gestifteten Tochterklöstern Walkenried am Harz, Volkerode in Thüringen und Ameluxborn bei Holzminden legte sie vor allem den Grund für die Entfaltung des Ordens nach Osten hin und leistete damit der deutschen Ostkolonisation unschätzbare Dienste.

So führte Walkenried mit seinen berühmten Tochterklöstern Pforte und Sittichenbach in Thüringen über Leubus in Schlesien, Stolpe in Pommern, bis nach Dünamünde in der Nähe von Riga. In dieser Linie gehören auch die Enkel und Urenkel Lehnin, Chorin und Himmelpforte in Brandenburg, Kamenz, Heinrichau und Grüssau in Schlesien, Paradies in der Nähe von Posen, Mogila unweit Krakau, Pades in Estland und Falkenau in Livland. Volkerode mit ihren Töchter- und Enkelgründungen bewegte sich über Waldsassen im Bayrischen Wald, Reifenstein im Eichsfeld, Dobrilugh in der Niederlausitz nach Südosten und stieß bis an die tschechische Sprachgrenze vor.

Ameluxborn strahle mit ihren Gründungen Riddagshausen bei Braunschweig, Doberan in der Nähe von Rostock nach Norden bis zur Ostsee hin.

Ein weiterer Teil des heutigen Stadtgebiets präsentierte sich im Mittelalter als "Reichsfreie Herrlichkeit Hoerstgen und Frohenbruch". Diesen offensichtlich aus Reichs- oder Königsgut hervorgegangene Herrschaft, souverän und mit hoher Gerichtsbarkeit ausgestattet, war ursprünglich ein Königshof, ein königlicher Wirtschaftsbetrieb, auch Fronhof oder Fiscus genannt. Er verwaltete die Einkünfte schuld- und dingabgabenpflichtiger Krongüter und dienste vor allem auch der Versorgung der königlichen Hofhaltung während eines Aufenthalts im Amtsbereich. Mit ihrem erhalten gebliebenen burgartigen Herrensitz und dem, den heutigen Ortsteil Hoerstgen umfassenden "Reichsgebiet", war sie nicht nur eines der kleinsten sondern auch der amüsantesten Ländchen im Staatengemisch des einigsten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

 

Die größere Zahl der fränkischen Hofsiedlungen, die sich nur langsam zu Bauernschaften entwickelten, fand bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts keine nennenswerte Beachtung. Ihre einst freien Höfe waren in den Besitz kirchlicher oder weltlicher Grundherren übergegangen. Der größte Teil der Bewohner bebaute daher den Acker abhängiger Höfe, widmete sich der Pottbäckerei oder stach Torf. Aus dem Geschehen der Jahrhunderte ragt ein Unternehmen, das zwar auf eine große Bedeutung hin angelegt war, sie aber in der Tat niemals erreichte. Es war der Bau der Fossa Eugenia, einer Kanalverbindung zwischen Rhein und Maas. Die Bauidee entsprang einer politischen Situation: Kaiser Karl V. hatte im Jahre 1558 die Niederlande, die den Habsburgern aus der burgundischen Erbschaft zugefallen waren, mit dem benachbarten Herzogtum Geldern vereinigt und seinem Sohne Philipp II., der König von Spanien war, zugesprochen. Durch die nun einsetzenden politischen, finanziellen und religiösen Veränderungen, insbesondere aber wegen der Schmälerung ihrer überkommenen Freiheiten standen die Niederländer mit den Spaniern jahrzehntelang auf Kriegsfuß. Nach der Willkürherrschaft des spanischen Herzogs Alba machten sich die holländischen Nordstaaten und Niedergeldern selbständig und sagten sich 1581 von Spanien los.


Alle spanischen Versuche, die Nordprovinzen mit Waffengewalt wieder zu unterwerfen, scheiterten. Um die Abtrünnigen "mürbe" zu machen, fasste man schließlich den Plan eines stillen Handelskrieges gegen sie. Eine Schiffahrtverbindung vom Rhein zur Maas sollte den Wirtschaftsverkehr der Holländer umgehen und lahm legen. Vater des wahrhaft kühnen Projekts war Ambrogio Marquese di Spinola, der Hauptkommandierende der spanischen Truppen in den Niederlanden.

    

Sein Plan wurde von der Infantin Clara Isabella Eugenia, der Schwester Philipps II., die damals als Statthalterin die spanischen Niederlande verwaltete, aufgegriffen. Nach ihr ist auch benannt. Mit feierlichem Pomp beging man am 21. September 1626 den ersten Spatenstich. Von Rheinberg kommend führte er an Kloster Kamp und Hoerstgen mit Frohnenbruch vorbei durchs heute Stadtgebiet, das damalige Kölner Land, um dann ausschließlich durch spanisches Gebiet, über Geldern, bei Venlo die Maas zu erreichen.

Die Niederlande erkannten nur zu klar, was die Verwirklichung dieses spanischen Planes für ihre Zukunft bedeuten mußte und versuchten seine Ausführungen zu verhindern. 24 mit spanischen Truppen besetzten Schanzen entlang des Kanals, von denen fünf im Stadtgebiet lagen, mußten die Arbeiten sichern. Finanzielle Schwierigkeiten, Korruption, vereitelten schließlich die Vollendung. Dem erfolglosen Versuch Preußens und Österreichs, die 1789 begonnene Französischen Revolution niederzuwerfen, folgte die Angliederung des linken Niederrheins, also auch des Stadtgebietes, an Frankreich. Im Zuge der damit verbundenen territorialen und rechtlichen Veränderungen fanden die mittelalterlichen Herrschaftsgebiete wie das Kurfürstentum Köln und die Freiherrlichkeit Hoerstgen mit Frohnenbruch ein unerwartet jähes Ende. Im Jahre 1802, nach fast 700jähriger bewegter Geschichte, erlosch auch die Zisterzienserabtei Kamp. Die Bauernschaften Lintfort, Kamperbruch, Rossenray und Saalhoff bildeten die neue Verwaltungsbehörde Vierquatieren. Kamp und Hoerstgen wurden ebenfalls zusammengelegt, aber eigenständig verwaltet.

 

Nach den Befreiungskriegen von 1813/1815, die der französischen Herrschaft ein Ende setzten, fiel das Stadtgebiet an Preußen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Jahre 1906, begann ein neuer Abschnitt im geschichtlichen Werden der heutigen Stadt. Der Kohlebergbau griff formend und gestaltend in die Entwicklung ein und gegründete im Jahre 1934 den Zusammenschluß der Einzelorte zu einer leistungsfähigen Gesamtgemeinde mit dem Namen Kamp-Lintfort. Im Jahre 1950 wurde sie zur Stadt erhoben.

 

Quelle: E.-Günter Piecha